Die jüngsten Spannungen in der Golfregion machen einmal mehr deutlich, wie anfällig Europa für Volatilität fossiler Brennstoffe ist: Enery-CEO Richard König erläutert, warum der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Energien und Batteriespeicher eine strategische Notwendigkeit für die Energieunabhängigkeit und eine langfristige Preisstabilität darstellt.
Während die globalen Öl- und Gasmärkte empfindlich auf geopolitische Krisen reagieren, vollzieht sich in den europäischen Stromsystemen ein tiefgreifender Wandel. Trotz massiv gestiegener Gaspreise haben sich die Strommärkte als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen – was vor allem auf den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien zurückzuführen ist, die als Puffer gegen externe Krisen fungieren.
Als Mitbegründer und CEO von Enery treibt Richard König die Energiewende in Zentral- und Osteuropa bereits seit Jahren maßgeblich voran. In diesem Expertentalk* thematisiert er die Entkoppelung der Energiepreise von fossilen Brennstoffen sowie die dringende Notwendigkeit, bürokratische Hürden bei der Elektrifizierung abzubauen. Zudem erläutert er, wie Enery das regional größte Portfolio an Batteriespeichern (BESS) nutzt, um Industriekunden in CEE rund um die Uhr mit Grünstrom zu versorgen.
Welche Auswirkungen sehen Sie – abgesehen von Preissteigerungen – aufgrund der Lage am Golf auf den Energiemärkten?
Die jüngsten geopolitischen Spannungen haben einmal mehr die Resilienz der europäischen Strommärkte unterstrichen. Selbst als die Gaspreise dramatisch angestiegen sind und sich zeitweise verdoppelt haben, fielen die Erhöhungen bei den Strompreisen mit etwa 25 bis 30 % deutlich moderater aus. Diese Entkopplung ist maßgeblich auf den bereits hohen Anteil erneuerbarer Energien im System zurückzuführen.
Auch wenn dieser Konflikt nicht von Dauer sein sollte: Was ist das entscheidende Signal, insbesondere für das stark von Öl- und Gasimporten abhängige Europa? Und wie werden sich die Energiepreise entwickeln, da man aufgrund des Ausbaus erneuerbarer Energien eigentlich mit sinkenden Kosten gerechnet hatte?
Die zentrale Botschaft für Europa ist eindeutig: Der forcierte Ausbau erneuerbarer Energien hat nicht nur aufgrund des Klimas Priorität, sondern ist eine strategische Notwendigkeit für Energiesicherheit und Preisstabilität. Solar- und Windkraft sowie wachsende Speicherkapazitäten fungieren als Puffer gegen äußere Einflüsse und verringern die Abhängigkeit von volatilen fossilen Brennstoffmärkten. Insgesamt werden künftige Erschütterungen des Stromsystems dank der im letzten Jahrzehnt geschaffenen Kapazitäten und der geplanten Speicherinvestitionen wahrscheinlich geringere Auswirkungen haben als in der Vergangenheit.
Richard König, CEO Enery
Obwohl wir bereits zwei Kriege erleben, die massiven Einfluss auf die Energiepreise haben, ist aber auf europäischer Ebene kein Rückgang des Verbrauchs fossiler Brennstoffe zu verzeichnen, und die Elektrifizierung scheint zu stagnieren. Welche Lösungen sehen Sie hier, auch für den lokalen Markt?
Aus unserer Sicht mangelt es nicht an Lösungen, sondern an der Umsetzungsgeschwindigkeit. Der Verbrauch fossiler Brennstoffe bleibt hoch, weil die Elektrifizierung, der Netzausbau und die Genehmigungsverfahren für erneuerbare Energien aufgrund hoher bürokratischer Hürden noch immer zu langsam vorangehen. Der politische Wille und die Umsetzung einer „elektrifizierten“ Industrie sind nicht entschlossen genug. Die Priorität muss darauf liegen, den Ausbau erneuerbarer Energien durch vereinfachte Genehmigungen und einen gesicherten Netzzugang zu beschleunigen, während gleichzeitig die Elektrifizierung in der Industrie, im Wärmesektor und im Verkehr aktiv unterstützt wird. Parallel dazu sind Investitionen in Speicher und Netzinfrastruktur essenziell, um die nötige Flexibilität zu gewährleisten.
Auf lokaler Ebene bedeutet dies, sich auf bereits rentable Projekte zu konzentrieren – insbesondere im Bereich Solar und Speicher – und sich dabei an die Netzbedingungen und regulatorischen Vorgaben anzupassen. Letztlich sind erneuerbare Energien der effektivste Weg, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Die zentrale Herausforderung besteht nun darin, deren Skalierung zu beschleunigen.
Beobachten Sie im aktuellen geopolitischen Kontext eine steigende Nachfrage nach Erneuerbaren-Projekten?
Wir verzeichnen ein wachsendes Interesse an integrierten Projekten, insbesondere an solchen, die die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen mit Speicherlösungen kombinieren. Der aktuelle geopolitische Kontext unterstreicht die Notwendigkeit von Energiesicherheit und Planbarkeit in jeder Hinsicht – sowohl bei der Erzeugung als auch bei den Preisen. Dies schlägt sich in einem verstärkten Interesse der Industriekunden an langfristigen Verträgen nieder. Diese Dynamik bestätigt den Marktwandel hin zu anspruchsvolleren Modellen, bei denen die Portfolio- und Produktionsoptimierung essenziell werden und reine Photovoltaik-Projekte allein oft nicht mehr ausreichen.
Apropos Speicherlösungen: Welche Pläne verfolgt Enery in Bezug auf Batteriespeichersysteme in Mittel- und Osteuropa?
Wir haben derzeit etwa 700 MWh an eigenen Batterien in Betrieb und rund 4 GWh an Batterien von Drittanbietern zur Portfoliooptimierung unter Vertrag. Damit betreiben und handeln wir bereits heute das größte Batterieportfolio in Zentral- und Osteuropa. In den kommenden Monaten errichten wir zwei weitere Großprojekte mit einer Kapazität von insgesamt 1,8 GWh und bauen unser Geschäft mit der Portfoliooptimierung für Dritte weiter aus. Batterien sind entscheidend für die Energiesicherheit, die Netzstabilität und die Senkung der Systemkosten. Zudem helfen sie dabei, Kunden rund um die Uhr mit erneuerbarer Energie zu erschwinglichen Preisen zu versorgen. Unser Batterieportfolio ermöglicht es uns, unser Angebot für Kunden konsequent weiterzuentwickeln.
*Ein Teil dieses Interviews erschien zuerst in Ziarul Financiar (https://www.zf.ro/).