In den Bergen wird Winterstrom geerntet

Oberhalb der Walliser Ortschaft Gondo, in mehr als 2.000 Metern über dem Meer, soll die größte Photovoltaikanlage der Schweiz entstehen. Dank optimaler Lage soll der hoch gelegene Grünstromerzeuger jährlich rund 23,3 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen – mehr als die Hälfte davon im Winterhalbjahr.
Gondosolar

Kein Nebel, blauer Himmel, strahlende Sonne. So stellt man sich einen Besuch in den Alpen vor. Doch nicht nur wir Menschen können in den Bergen unsere Energietanks auffüllen. Auch die Leistung von Photovoltaikanlagen kann sich in dieser Höhenlage sehen lassen – und das vor allem im Winter. Denn genau dann, wenn die Temperaturen sinken, die Strahlung in den Bergen intensiver wird und immer mehr Schnee liegen bleibt, laufen die Grünstromerzeuger auf Hochtouren. So liefern alpine Anlagen im Winter tatsächlich mehr Elektrizität als Solarmodule auf einem Hausdach im Unterland.

Im Kanton Wallis soll nun die größte hochalpine Photovoltaikanlage in den Alpen entstehen: Gondosolar. Die Projektträgerschaft unter der Leitung von Alpiq – der zweitgrößten Produzentin von Strom aus erneuerbaren Energien in der der Schweiz – plant auf einer Fläche von rund 100.000 Quadratmetern die Installation von 4.500 bifazialen Solarelementen. Jedes dieser Elemente besteht aus acht PV-Modulen. Die platzsparende senkrechte Montage der bifazialen Module sorgt dafür, dass im Winter kein Schnee haften bleibt und im Sommer noch genug Platz für vorbeispazierende Wandernde bleibt.

Winterliche Stromlücke schließen

Weniger störende Wolken, mehr Licht durch reflektierenden Schnee: Wissenschafter:innen werben immer öfter für PV-Freiflächenanlagen hoch in den Bergen. Und die Berechnungen für mögliche Anlagen bestätigt: Das Potenzial ist groß. Mit einer installierten Leistung von total 18 Megawatt (MW) deckt die Anlage Gondosolar jedenfalls den durchschnittlichen Jahresbedarf von mindestens 5.200 Haushalten. Dabei liegt der Winteranteil bei 55 Prozent, sodass die Anlage laut den Beteiligten rund viermal so viel Winterstrom pro Fläche als eine Anlage im Flachland produziert – und sie braucht nebenbei dank der bifazialen Module auch noch weniger Platz. Dank der vermehrten Stromproduktion im Winter kann der saisonal schwankende Strombedarf viel besser bedient werden.

Ist überhaupt Platz für alle?

Die geplante Anlage soll auf einer Parzelle am vorgesehenen Standort Alpjerung hoch über dem Grenzort zu Italien installiert werden. Dieser sei in vielerlei Hinsicht für die Nutzung von Solarenergie ideal, heißt es vonseiten der Projektträgerschaft. Der Standort tangiere kein Schutzgebiet und werde von Expert:innen auch hinsichtlich Naturgefahren als „nicht kritisch“ beurteilt. Die Auswirkungen auf Umwelt, Biodiversity and nature loss und Landschaft sind laut Alpiq vergleichsweise gering.

Stichwort: Landschaft. Die Freiflächenanlage kann optimal in die Umgebung eingebettet werden, sodass sie von keinem besiedelten Gebiet aus sichtbar sein wird. Und das freilich, ohne Umwelt und Landschaft zu schaden. Der Abtransport des erzeugten Grünstroms soll über ein erdverlegtes Kabel und über das nahegelegene Mittelspannungsnetz in die bestehende Unterstation Gabi erfolgen. Die Installation wird mit Hilfe einer temporären Seilbahn ab der Nationalstraße in Gondo realisiert. Sprich: Es sind weder neue Stromleitungen noch neue Straßen notwendig.

Alles ist möglich

Unbestritten ist nun also, dass die Erträge einer alpinen Anlage vielversprechend sind. Doch der Bau von Photovoltaikanlagen in Berggebieten ist doch sicher eine kostspielige Angelegenheit, oder? Eine umfangreiche Machbarkeitsstudie kommt laut den Auftraggeber:innen jedenfalls zum Schluss, dass das Projekt nicht nur ökologisch und technisch, sondern eben auch wirtschaftlich machbar sei. Vorausgesetzt, das Bewilligungsverfahren ist abgeschlossen und die Förderzusage des Bundes liegt vor. Dann kann die Anlage laut Alpiq innerhalb von drei Jahren gebaut und vollständig in Betrieb genommen werden. Und jede Menge Sonnenstrom produzieren – selbst im kalten Winter.

✅ TEXT: Sandra Rainer
✅ FOTOS: Gondosolar
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