Energieagentur gibt Update: Wir brauchen rasch mehr Grünstrom!

Die wirtschaftlichen Folgen der Ukrainekrise lassen die Preise für Energie derzeit drastisch in die Höhe schnellen und sorgen dafür, dass der internationale Energiemarkt im Ausnahmezustand ist. Doch nicht nur deshalb muss der Erneuerbaren-Ausbau massiv angetrieben werden.
Erneuerbaren-Ausbau

Das Ziel steht fest: Die Welt will endlich klimafit werden – und zwar so schnell wie möglich. Genau aus diesem Grund wurde in den letzten Jahren auch immer wieder intensiv über neue, umfassende Klimaschutzabkommen verhandelt. Im Dezember 2015 ein erster Lichtblick: Insgesamt 197 Staaten einigten sich bei der UN-Klimakonferenz in Paris auf ein zielgerichtetes, globales Klimaschutzabkommen. Neben dem Vorhaben, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, sollen zudem auch die Treibhausgasemissionen bis Mitte des 21. Jahrhunderts auf null gesenkt werden. Vor allem in der Nutzung erneuerbarer Energien schlummert das große Potenzial, diese gesetzten Klimaziele auch wirklich erreichen zu können.

Was ist aus den Klimazielen geworden?

Nun, fast sieben Jahre später, ist das Interesse an klimafreundlicher und zugleich auch kostengünstiger Energie zwar hoch, „die Energiewende ist aber noch weit vom richtigen Weg entfernt“, mahnt Francesco La Camera, Generalsekretär der Internationalen Agentur für erneuerbare Energien (IRENA). Das Problem: Europa ist zu stark von fossilen Energieträgern abhängig. Und genau diese Abhängigkeit, vor allem von Energie-Importen aus Russland, wird durch die Ukrainekrise erst so richtig deutlich. Österreich etwa deckt seinen Gasbedarf zu rund 80 Prozent aus russischen Rohstoffen.

Die Lösung: eine klimaneutrale, unabhängige Stromversorgung mithilfe von erneuerbaren Energiequellen. Der Einsatz volatiler Energieträger wirkt sich positiv auf das Klima aus und reduziert dabei die oben genannte Abhängigkeit und somit auch die Strompreise. Kein Wunder, dass die Rufe nach einem raschen Erneuerbaren-Ausbau und Umstieg auf saubere und vor allem lokale Energiequellen gerade jetzt immer lauter werden.

Angestrebte Unabhängigkeit

Dass die Umstellung auf erneuerbare Quellen bis dato allerdings viel zu langsam voranschreitet, zeigt der kürzlich veröffentlichte „World Energy Transition Outlook“ der IRENA. „Wenn wir in den kommenden Jahren nicht auf radikale Maßnahmen setzen, werden die Chancen, unsere Klimaziele zu erreichen, geschmälert oder sogar zunichtegemacht“, warnt La Camera. Durch eine radikale Umstellung des Energiesystems könnte die jährliche CO2-Reduktion bis 2050 rund 37 Gigatonnen CO2-Äquivalente ausmachen, rechnet die Organisation vor. Ein Viertel dieser Reduktion soll dabei durch Erneuerbare gelingen, weitere 25 Prozent durch einen effizienteren Energieeinsatz.

Erneuerbaren-Ausbau
Österreich deckt seinen Gasbedarf zu rund 80 Prozent aus russischen Rohstoffen. Kein Wunder, dass die Rufe nach einem Erneuerbaren-Ausbau jetzt immer lauter werden.

Wie weit sind wir?

Derzeit werden laut IRENA weltweit rund 14 Prozent der gesamten Primärenergieversorgung durch Erneuerbare gedeckt. Um die Klimaziele weitreichend erreichen zu können, muss der Anteil bis 2030 jedoch auf 40 Prozent steigen. Gleichzeitig liegt auf der Hand, dass der Einsatz von Kohle und anderen fossilen Energieträgern rasch verringert werden muss. Für einen effizienten Umstieg auf eine saubere Energieproduktion müssen freilich einige Grundvoraussetzungen gegeben sein, wie etwa die Bereitstellung eines gut ausgebauten Stromnetzes. Dieses sorgt für gleichmäßigen Energiefluss und lückenlose Stromversorgung – und das natürlich weltweit. Schließlich scheint nirgendwo nahezu immer die Sonne oder weht der Wind.

Der produzierte Grünstrom muss anschließend mithilfe eines gut strukturierten Netzes dorthin befördert werden, wo er eben gerade gebraucht wird. Oder er muss gespeichert werden. Das bedeutet also, dass es zukünftig vor allem Netz- und Speicherkapazitäten braucht, um eine hohe Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Das kostet. Die Organisation schätzt, dass allein für die Erreichung des 1,5°C-Ziels bis 2030 Investitionen von 5,7 Billionen US-Dollar notwendig sind – und das jährlich.

85 Millionen neue Arbeitsplätze

Gleichzeitig würde der Umstieg in demselben Zeitraum allerdings auch weltweit 85 Millionen Jobs schaffen und einen Anstieg des globalen Bruttoinlandsprodukts zur Folge haben. Sprich: Arbeitsplätze werden geschaffen, die Armut verringert und der Wohlstand in den Ländern angehoben, sodass eine klimasichere Weltwirtschaft vorangetrieben werden kann.

Mit dem Erneuerbaren-Ausbau könnten in den nächsten Jahren unzählige neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Drohende Energiearmut

Stichwort: Sicherheit. Die Forderung nach einer sauberen Stromversorgung ruht gleichzeitig aber auch auf ganz anderen Problemen. Die derzeit hohen Preise für Öl und Gas aus dem Ausland könnten zu einer weitrechenden Energiearmut führen, so heißt es zumindest in dem veröffentlichten Bericht. Besonders besorgniserregend: Schätzungsweise 758 Millionen Menschen weltweit lebten 2019 ohne Strom. Außerdem leben derzeit rund 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die Netto-Energieimporteure sind – sind also abhängig von Energie aus dem Ausland. „Die Verwirklichung des universellen Zugangs zu moderner Energie bis 2030 ist ein wichtiger Pfeiler einer gerechten und integrativen Energiewende“, heißt es dazu in dem Bericht. Vor allem dezentrale Lösungen für erneuerbare Energien können dabei eine entscheidende Rolle bei der Lösung des Zugangsproblems spielen.

Weitere Lösungen

„Wir rufen dazu auf, die Art und Weise, wie wir Energie erzeugen und verbrauchen, grundlegend zu ändern“, sagte der Chef der Organisation bei der Präsentation. Ein weiterer Lichtblick in der Energiewende sei zudem die Elektromobilität. 2021 lag der Anteil der Elektroautos an den weltweiten Autoverkäufen bereits bei 8,3 Prozent. Dieser Anteil wird laut IRENA in den kommenden Jahren rapide ansteigen. Das tatsächliche Wachstum hängt allerdings von einem massiven Ausbau der Ladeinfrastruktur in den kommenden zehn Jahren ab. Sprich: Nur wenn genügend Grünstromanlagen inklusive effektiver Speicher zu Zwischenlagerung der Energie gebaut werden und der Fokus vermehrt auf den Ausbau der Netzinfrastruktur gelegt wird, können Autos der Zukunft tatsächlich sauber durch die Gegend düsen.

Wir halten fest: Die Bemühungen für eine saubere Energiegewinnung sind zwar vorhanden, und es gibt in diesem Bereich auch schon vielversprechende Fortschritte. Dennoch muss die bereits installierte Leistung bis 2030 verdreifacht werden. Und genau hierfür ist die tatkräftige Unterstützung vonseiten der Politik gefragt. Denn nur, wenn auf die Vereinbarungen des Pariser Klimaschutzabkommens auch wirklich Taten folgen, kann die Energiewende mit all ihren weitreichenden Folgen auch tatsächlich erreicht werden.

✅ TEXT: Sandra Rainer
✅ FOTOS: Enery; UNSPLASH/American Public Power Association; UNSPLASH/Bill Mead
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