Radeln unterm Solarkraftwerk

Er soll Radler*innen vor Wind und Wetter schützen, bei Dunkelheit Licht spenden und umliegende Haushalte mit Grünstrom versorgen: In der Schweiz entsteht auf einer Strecke von 300 Metern der erste Solartunnel für Fahrradfahrer*innen.
Solarradweg

Fest steht: Biken boomt. Kein Wunder, ist das Fahrrad doch das umweltfreundlichste und zugleich gesündeste Fortbewegungsmittel, das es gibt. Regelmäßiges Radeln beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor und kurbelt gleichzeitig die Fettverbrennung an. Zudem kann sich die Umweltbilanz des Drahtesels sehen lassen: Das Rad produziert keine Schadstoffe, keinen Lärm und braucht wenig Platz. Und da sich die Mobilität eben immer mehr in Richtung nachhaltiger und umweltfreundlicher Lösungen bewegt, werden Fahrräder und die natürlich dazu nötigen Fahrradwege – auch Véloroutes genannt – heutzutage zu einem wichtigen Element des modernen Verkehrs. Das wiederum motiviert Architekt*innen und Designer*innen weltweit, Konzepte für typische Radwege über Bord zu werfen und die künftige Nutzung und das Potenzial dieser völlig neu zu überdenken. Einer dieser kreativen Köpfe ist Peter Kuczia.

Stark vom Konzept der Nachhaltigkeit beeinflusst, entwarf Kuczia gemeinsam mit dem Start-up „Solaroute“ ein Photovoltaikdach für Radwege. Gute Pläne entstehen jedoch nicht nur auf dem Papier, sondern in der Realität. Genau deshalb wird nun in der Schweiz erstmals eine 300 Meter lange Pilotstrecke mit dieser innovativen Entwicklung ausgestattet. Und verläuft das Projekt erfolgreich, ist obendrein eine Verlängerung der innovativen Radwegüberdachung auf 2,5 Kilometer möglich.

Solaranlage über den Köpfen

Der solare Tunnel erstreckt sich dabei wie ein Schutzschirm über den Solarradweg, sodass Radler*innen vor Wind und Regen geschützt sind. Das als modulares System konzipierte Projekt nimmt dabei die Form eines halbgeschlossenen, runden Bogens an, der aus nicht reflektierenden Glas-Solarpaneelen besteht, die an runden Stahlrohrpfetten befestigt sind. Laut Entwickler ist diese Bogenbauweise mit wenig Aufwand hinsichtlich der Installation der Anlage verbunden. Zudem lässt sich Material einsparen, und die Struktur kann flexibel an verschiedene Wegbreiten und Kurven angepasst werden – die Anzahl der Paneelreihen, der Abstand zwischen den Modulen und ihre Neigung ebenso.

Das Solardach besteht aus schuppenartig angebrachten Solarpaneelen, die tagsüber genügend Sonnenenergie sammeln, um bei Dunkelheit die im Tunnel angebrachten Deckenlampen zum Leuchten zu bringen. Ein sicheres Radfahren ist also stets gewährleistet.

Solarradweg liefert sauberen Strom

Laut Berechnungen von Solaroute und Architekt Kuczia können so pro Kilometer Solarradweg jährlich bis zu 2.000 Megawattstunden Strom erzeugt werden. Nach Abzug des Stroms für die Beleuchtung sollte das für die Energieversorgung von rund 750 Haushalten ausreichen. Kuczia geht noch weiter: Der erzeugte Sonnenstrom könnte auch direkt in sich in der Nähe befindliche Ladestationen für Elektroautos fließen. Demnach könnten „mehr als 1.000 Elektroautos, die 11.000 km pro Jahr fahren, mit Strom versorgt werden“, erklärt Kuczia.

Vorhandene Flächen nutzen

Für die Erzeugung der sauberen Energie müssen keine neuen Flächen versiegelt werden, wie Solaroute-Chef Marko Vogt besonders stolz betont. Schließlich werden nur bereits vorhandene Radwege in einen Solarradweg umgewandelt. Die auffällige Struktur der Überdachung ist jedenfalls bewusst so konzipiert, damit sie die Aufmerksamkeit der Radfahrer*innen und auch Passant*innen auf sich zieht. Warum? Nur so kann das Interesse für das Thema Nachhaltigkeit und saubere Energiegewinnung innerhalb der Bevölkerung weiter gesteigert werden.

Nun wird der Solarradweg getestet

Vorerst existiert die Idee des Solartunnels freilich nur auf dem Rechner. Die Entwickler*innen der innovativen Überdachung konnten dennoch eine Auszeichnung einheimsen: Der renommierte Rat für Formgebung, der auch die German Design Awards vergibt, würdigte den Solartunnel im November mit einem Sonderlob. Kurz danach wurde die Gemeinde Romont im Schweizer Kanton Freiburg auf die Innovation aufmerksam. Bis Mitte 2022 soll die Überdachung von der Firma Solaroute dort nun auch tatsächlich prototypisch gebaut werden.

Wir halten fest: Radfahren wird mit Innovationen wie diesen auch in Zukunft nicht an Beliebtheit verlieren. Im Gegenteil: Das Radeln wird nun sogar bei Dunkelheit zum echt sicheren und ebenso sauberen Spaß.

✅ TEXT: SANDRA RAINER
✅ FOTOS: Alek Pluta | nomadd+, Poland
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