Mobile Photovoltaik: Solarzellen zum Ausrollen

Das britische Technologieunternehmen Renovagen Ltd. setzt neue Maßstäbe für die Energieinfrastruktur von morgen. Mithilfe von mobilen Solarmodulen sollen nun auch abgelegene Orte unkompliziert mit solarer Energie versorgt werden – und das innerhalb von zwei Minuten.

Eine Weltreise ist wohl für viele der absolute Traum. Für den britischen Diplomingenieur John Hingley wurde diese tatsächlich Wirklichkeit. In zehn Monaten reiste er quer durch 20 Länder. Der Brite kehrte aber nicht nur mit vielen unvergesslichen Erinnerungen im Gepäck zurück, sondern auch mit einer innovativen Geschäftsidee: Er wollte die erste mobile Solaranlage der Welt entwickeln. Gesagt, getan. Ende 2012 gründete Hingley das Unternehmen Renovagen Ltd. Bereits nach drei Jahren Entwicklungszeit präsentierte das Team rund um den Wissenschafterdas scheinbar Unmögliche: flexible Solarzellen, die wie Teppiche ein- und ausgerollt werden können – auch „Rapid Roll T-System“ genannt. Die mobile Photovoltaik war geboren.

 

Solarstrom, wo und wann man will

 

Die Rapid Roll ist eine patentierte Technologie für netzunabhängigen mobilen Solarstrom. Es handelt sich dabei um ein Solarkraftwerk mit einem ausziehbaren Solarfeld. Das Beste: Der 50 Meter lange Solarteppich ist innerhalb von nur zwei Minuten einsatzbereit. So weit, so gut. Doch wie sieht es mit der Energieleistung aus? Darf man den Hersteller*innen Glauben schenken, erreichen die ausrollbaren Solarzellen eine maximale Kapazität von 16 Kilowatt – vorausgesetzt, die Sonne scheint mit voller Kraft. Laut Hingley ausreichend Energie, um ein Notfallkrankenhaus mit ungefähr 120 Betten mit Grünstrom zu versorgen.

Das Herzstück einer unabhängigen Stromversorgung ist aber freilich der Energiespeicher. Renovagen hat auch hier eine Lösung parat: Das Rapid Roll-System wird inklusive Energiespeicher und Wechselrichter in einem Stahlcontainer geliefert. Gründer Hingley weiß: „Der Markt für netzunabhängige Energie ist riesig und wächst. Jeder braucht heutzutage Energie.“ Also bietet Renovagen seinen Kundinnen und Kunden ganz einfach ein Rundum-Sorglos-Strompaket.

 

Einfach ausrollen

 

Der Solarteppich besteht aus sogenannten CIGS-Solarzellen, die mit einem dehnbaren Material durchgängig in die solare „Matte“ eingebettet werden – ebenso die benötigten Stromübertragungskabel. Das Produkt ist flexibel genug, um das Ein- und Ausrollen hunderte Male schadlos zu überstehen, so lautet zumindest das Versprechen des Herstellers. Die flexible CIGS-Technologie sorgt dafür, dass auch bei schwachem Licht oder geringem Einfallswinkel genügend elektrischer Strom produziert wird.

Die mobile Rolle soll im Vergleich zu herkömmlichen „starren“ Paneelsystemen bis zu zehnmal mehr Leistungskapazität aufweisen – der großen Einstrahlungsfläche und dem Speicher sei Dank. Freilich gibt es auch kleinere Rapid Roll-Systeme mit einer Kapazität von bis zu 6 Kilowatt. Diese können auch per Hand ausgelegt werden. Praktischer und schneller geht es aber auf jeden Fall mit dem integrierten Spulensystem. 

 

Grünstrom per Knopfdruck

 

Der Clou: ein innovativer Spulmechanismus. Dieser umfasst ein elektrisches oder elektrohydraulisches Antriebssystem, das dafür sorgt, dass das Solarfeld innerhalb weniger Minuten verstaut werden kann. So funktioniert’s: Das Solarmodul wird wie ein Rollrasen ausgelegt – das Abrollen übernimmt dabei das Auto. Als Zugfahrzeug reicht laut Renovagen ein Fahrzeug mit Vierradantrieb, wie etwa ein Land Rover. 

Die Matte muss jedenfalls nur aus der dazugehörigen Transportbox abgerollt und anschließend eingeschaltet werden. Vor Ort sind keine weiteren Kabelverbindungen erforderlich, denn alle wichtigen Bestandteile einer funktionstüchtigen Solaranlage sind bereits im System eingebaut.

 

Wo wird die mobile Photovoltaik eingesetzt?

 

Das klare Ziel von Renovagen: Sie wollen Energie für Millionen von Menschen weltweit verfügbarer, erschwinglicher, sicherer und nachhaltiger machen. Die außergewöhnliche Solarmatte eignet sich optimal für den kurz- und mittelfristigen Einsatz in herausfordernden Umgebungen, wie etwa Katastrophengebieten. Dort ist eine lückenlose Kraftstoffversorgung nicht immer gegeben. Die Rapid Roll soll mobile medizinische Einrichtungen sowie Kommunikations- und Wasseraufbereitungsgeräte rund um die Uhr mit sauberem Strom versorgen.

Die Solarteppiche wären bzw. sind auch in schwer zugängliche Regionen in Asien, Südamerika und Afrika einsetzbar. Die Idee: Sie könnten die bisher viel verwendeten Dieselgeneratoren durch sauberen Sonnenstrom ersetzen. Schließlich musste man in Gebieten ohne geregelte Stromversorgung bisher auf Generatoren zurückgreifen. Der aufwendige und kostenintensive Transport des benötigten Dieselkraftstoffs ist mit dem Einsatz des Solarteppichs überflüssig. Doch auch bei großen Veranstaltungen könnte schon bald nicht nur der rote, sondern auch der solare Teppich ausgerollt werden – wie etwa auf Festivals.

 

Mobile Photovoltaik ist wind- und wasserfest

 

Das Solarfeld ist allen Wetterbedingungen ausgeliefert. Aber keine Sorge: Denn laut Hingley kann die Anlage auch bei starkem Wind eingesetzt werden. Achtung: Ab Windgeschwindigkeiten von etwa 60 Kilometern pro Stunde muss das Feld mit Pflöcken am Boden befestigt werden. Im Falle eines starken Sturms kann der Teppich im Gegensatz zu fest installierten Paneelsystemen aber ganz einfach wieder eingerollt und verstaut werden.

Was tun, wenn es regnet? Laut Renovagen ist das Rapid Roll-Solarfeld wasserdicht. Freilich sollte aber immer darauf geachtet werden, dass die Anlage nicht komplett überflutet wird. Problematisch wird es allerdings bei Schlechtwetter. Die Lösung: Das Unternehmen entwickelte ein Hybridsystem, das Solar- und Dieselstrom clever miteinander kombiniert. So soll rund um die Uhr Notstrom zur Verfügung stehen. Der Solarteppich soll für mindestens zehn Jahre oder umgerechnet 200 Einsatzzyklen für saubere Energie sorgen. Na dann: Augen auf beim nächsten Konzert- oder Festivalbesuch. Vielleicht findet man dort das ein oder andere ausrollbare Solarkraftwerk.

 

✅ TEXT: SANDRA RAINER
✅ FOTOS: FACEBOOK / RENOVAGEN LTD.
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