4. Juni 2024
Erneuerbaren-Ausbau: "Die Netze sind der Knackpunkt"

Laut österreichischem Netzinfrastrukturplan soll die heimische PV-Produktion bis 2030 deutlich ausgebaut werden, allerdings hinkt die Kapazität der Netze diesem Plan deutlich hinterher. Expert:innen fordern daher einmal mehr einen rascheren Ausbau der Strom-Infrastruktur.

Erneuerbaren-Ausbau:

Fast zweieinhalb Jahrzehnte ist es mittlerweile alt, das österreichische Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz (ElWOG). Trotz diverser Novellen ist schön lange klar: Das Gesetz ist in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den aktuellen Bedingungen und Anforderungen. Die Forderung nach einer Reform wurde daher zuletzt immer lauter – und nun soll es tatsächlich soweit sein: Nachdem der Entwurf des neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetzes (ElWG) Anfang des Jahres in Begutachtung ging, kann dieses demnächst beschlossen werden.

„Nun muss Vernunft walten“

Zumindest hoffen Expert:innen auf ebendiesen Beschluss in der Nationalratssitzung vom 3. und 4. Juli, der letzten vor der Sommerpause 2024. Um das ElWG zu beschließen, ist nämlich eine Zweidrittelmehrheit im Parlament notwendig; neben den Regierungsparteien muss dem Gesetz daher entweder die SPÖ oder die FPÖ zustimmen. „Die derzeitigen Entwicklungen am Energiemarkt und die zunehmenden Engpässe im Stromnetz zeigen, dass nun Vernunft walten muss“, erklärte dazu der Bundesverband Photovoltaic Austria (PV Austria), die Interessenvertretung der österreichischen Photovoltaik- und Stromspeicherbranche in einer Aussendung. Die Nationalratssitzung sei die letzte Möglichkeit, um das für die Energiewende wichtige ElWG zu beschließen, denn: „Wir stoßen beim PV-Ausbau bereits an unsere Grenzen, weil die moderne Stromnetzinfrastruktur und die Regularien dafür fehlen. Wenn das ElWG jetzt nicht beschlossen wird, droht ein Stillstand beim Erneuerbaren-Ausbau.“

Stromnetzausbau durch ElWG„Die Branche steht an“, so PV-Austria.

Bereits im vergangenen April hatte PV Austria mit Blick auf den integrierten österreichischen Netzinfrastrukturplan (ÖNIP) darauf hingewiesen, dass Photovoltaik in Österreich bis 2030 eine jährliche Produktionskapazität von 21 Terawattstunden (TWh) Strom erreichen muss. „Wir sehen, wir kommen mit den Kapazitäten, die wir vorliegen haben, nicht weiter, die Branche steht an“, so PV-Austria-Geschäftsführerin Vera Immitzer. Vorstandschef Herbert Paierl ergänzte, dieses Ziel bedeute, dass jährlich im Schnitt zwei Gigawattpeak an Leistung zugebaut werde.

Allerdings fehlen die Netzkapazitäten beziehungsweise sei nicht klar, wo noch Kapazitäten vorhanden seien, da Netzbetreiber bisher nicht gesetzlich verpflichtet sind, Netz-Informationen zur Verfügung zu stellen. Das ElWG sollte dies ändern. Immitzer: „Nur wenn ich weiß, wo ich einspeisen kann, kann ich auch dort eine Anlage planen“.

„Aktuelles Netz ist Erfordernissen nicht gewachsen“

Und auch die Regulierungsbehörde E-Control beklagt die (zu) schwache Infrastruktur, wie Vorstand Alfons Haber gegenüber der Tageszeitung „Die Presse“ erklärte: „Die Netze sind der Knackpunkt“. Das ElWG allein werde das Problem nicht lösen, so der E-Control-Chef im Interview. „Aber es passiert etwas.“

Raphaela Hein, Enerys Power Market Expert, ist derselben Ansicht. „Es geht in die richtige Richtung, aber leider nicht weit genug“, erklärte die Strommarkt-Expertin. Der Ausbau der Netzinfrastruktur hätte intensiver vorangetrieben werden müssen. So bleibe „an den Planungsverfahren und Bürgerbefragungen alles gleich, eine Beschleunigung ist damit praktisch nicht umsetzbar.“

Bereits im Vorjahr hatte der Übertragungsnetzbetreiber APG (Austrian Power Grid AG) betont, dass mit dem ÖNIP auch Beschleunigungen bei der Projektumsetzung einher gehen muss. „Die Energiewende ist eine Mammutaufgabe, die nur mit einer Gesamtsystemplanung österreichweit gelingen kann“, so Gerhard Christiner, technischer Vorstand der APG. Das heimische Stromnetz müsse auf die energiewirtschaftlichen Notwendigkeiten eines nachhaltigen Energiesystems ausgerichtet, geplant und gebaut werden. „Das aktuelle Stromnetz ist den Kapazitätserfordernissen der Zukunft nicht gewachsen“.

✅ TEXT: MICHI REICHELT
✅ FOTOS: ENERY, UNSPLASH