Am Bordstein zur Vollladung

Immer mehr Elektroautos zapfen an öffentlichen Ladestationen Strom. Doch ist unser Ladenetz überhaupt für die immer beliebteren Stromer gewappnet? Und: Wie lässt sich bereits bestehende Infrastruktur im urbanen Raum für das Laden nutzen? Genau darüber hat sich ein deutsches Forschungsteam Gedanken gemacht und zukunftsweisende Ladebordsteine präsentiert.
Ladebordstein

Sauber, leise und noch dazu leistungsstark: Immer mehr Menschen möchten auf Verbrenner verzichten und stattdessen lieber in die grünen Pedale treten. Die Verkäufe umweltschonender Elektrofahrzeuge steigen von Jahr zu Jahr an. Genau das verdeutlichen auch folgende Zahlen: Laut Statistik Austria waren im September erstmals mehr als 100.000 rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge auf Österreichs Straßen unterwegs. Knapp 15 Prozent neu zugelassener Autos werden hierzulande elektrisch angetrieben, was bedeutet, dass Österreich bei den Neuzulassungen von Stromern europaweit unter den Top Ten liegt.

Und auch in Städten surren immer mehr E-Autos und E-Busse scheinbar geräuschlos durch die Straßen. Doch gerade dort, im innerstädtischen Raum, sind freie Flächen knapp, sodass sich die Errichtung öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur als schwierig erweist. In dicht bebauten Gebieten ist der Raum für neue Ladepunkte schließlich begrenzt. Der deutsche Technologiekonzern Rheinmetall hat sich dieses Problems angenommen und lässt im Rahmen der Fachkonferenz „VDE E-Mobility Conference“ mit einem innovativen Konzept aufhorchen: E-Ladestationen sollen künftig in Bordsteinen an Straßen oder Parkplätzen integriert werden. Und das, ohne andere Verkehrsteilnehmer:innen einzuschränken.

Schön verpackt

Das Düsseldorfer Unternehmen will demnach notwendige Ladeelektronik und Anschlüsse nicht wie gehabt in Säulen unterbringen, sondern in vorhandener Infrastruktur. Das Forschungsteam des Rheinmetall Technology Centers habe monatelang daran gearbeitet, bestehende städtische Infrastruktur intelligent zu nutzen und gleichzeitig eine möglichst große Ladepunktdichte erzielen zu können. Herausgekommen ist ein modularer Ladebordstein, der sich dank der Integration von Ladeelektronik als ein kompakter, platzsparender Ladepunkt entpuppt.

Der innovative Ladebordstein soll AC-Laden bis zu 22 Kilowatt ermöglichen und per Open Charge Point Protocol (OCPP) in bestehende Ladesystemstrukturen integriert werden können. Zum Verständnis: AC-Ladestationen geben Wechselstrom ab, welcher im Auto zu Gleichstrom umgewandelt wird. Der geplante E-Auto-Ladepunkt ist jedenfalls dem Unternehmen zufolge auf den Straßenverkehr ausgelegt und entsprechend widerstandsfähig. Freilich ist das Potenzial aber auch in anderen Bereichen, wie etwa am Arbeitsparkplatz oder auch vor der eigenen Haustür, groß.

Ladebordstein
Der innovative Ladebordstein soll AC-Laden bis zu 22 Kilowatt ermöglichen.
Ladebordstein
Schnelles und komfortables Laden ist mit der neuen „Zapfsäule“ auch zuhause möglich.

Einfacher Elektroalltag

Dem Unternehmen sei es bei der Entwicklung des modernen Ladesystems wichtig, den Eingriff in den öffentlichen Raum möglichst auf ein Minimum zu reduzieren. Eine leichte Nachrüstbarkeit und eine wartungsarme Anwendung sollen darüber hinaus für ein einfaches Laden in Zukunft sorgen. Städte könnten etwa größere Flächen zügig in Ladestationen für E-Autos vorbereiten. Sprich: Zunächst werden Dummybordsteine an gewünschten Standorten installiert, und erst bei steigender Nachfrage nach grünem Tank könnten weitere Ladebordsteine ohne viel Aufwand nachgerüstet werden. Das Beste: Der Umtausch von solchen Dummyanlagen zu tatsächlichen Ladebordsteinen soll dem Unternehmen zufolge innerhalb weniger Minuten erfolgen. Darüber hinaus können Elektrofahrzeuge vollgeladen werden, ohne lange Ladekabel über oder entlang von Gehwegen legen zu müssen.

Neben vielen technischen Vorteilen spiele aber natürlich auch die Optik eine wichtige Rolle: „Die Rheinmetall-Ladebordsteine fügen sich nahezu unsichtbar ins Stadtbild ein und bieten Möglichkeiten, die Herausforderungen bestehender Ladesysteme – etwa hoher Platzbedarf, geringe Punktedichte, Verschlechterung des Stadtbildes und hohe Kosten – zu lösen“, erklärt das Unternehmen dazu.

Erstes Pilotprojekt in Planung

Bis es allerdings so weit ist, dass Elektroautos am Bordstein Strom zapfen können, wird es noch ein wenig dauern. Zwar werden die Ladebordsteine schon umfangreichen Langzeittests unterzogen, sodass die Sicherheit der Technologie in Zukunft auch stets gewährleistet ist. Ein erstes Pilotprojekt im öffentlichen Raum ist jedoch erst in den kommenden Jahren geplant. Und dann heißt es: Vollgas für die Umwelt!

✅ TEXT: Sandra Rainer
✅ FOTOS: UNSPLASH/Jenny Ueberberg; Rheinmetall
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