Solargleise: So kann die Bahn Atomkraftwerke ersetzen

Wie viel Energiepotenzial schlummert tatsächlich zwischen den Bahnschwellen? Genau das möchte die Deutsche Bahn nun gemeinsam mit dem britischen Unternehmen Bankset Energy herausfinden – und besetzt den Raum zwischen den Schienen mit Solarmodulen.
Solargleise

Urlaubszeit ist Reisezeit. Doch welches Transportmittel wählen Reisende am liebsten? Auto, Flugzeug oder doch lieber die Bahn? Ganz besonders wichtig ist jedenfalls, dass das Reiseziel gut erreichbar ist. Freilich sind auch Kosten, Pünktlichkeit, Reisedauer und Flexibilität bei der Wahl des Transportmittels entscheidend. Und nicht zu vergessen: die Umweltfreundlichkeit. Denn eines steht fest: Jedes Verkehrsmittel hinterlässt Spuren in der Umwelt.

Die gute Nachricht: Gerade im Hinblick auf die Klimakrise entscheiden sich heutzutage immer mehr Menschen für nachhaltiges und ökologisch sinnvolles Reisen. Sie nutzen also das derzeit umweltfreundlichste motorisierte Verkehrsmittel – den Zug. Seit 2018 sind die ÖBB etwa mit 100 Prozent grünem Bahnstrom unterwegs. Der Strom für Personen- und Güterzüge stammt dabei zur Gänze aus erneuerbaren Energieträgern. Genau dieses Ziel verfolgt auch die Deutsche Bahn (DB) und will bis 2040 vollständig klimaneutral unterwegs sein. Funktionieren soll das in Zukunft mithilfe innovativer Solaranlagen, die nicht nur auf den Dächern der Bahnhöfe Grünstrom erzeugen, sondern auch zwischen den Bahngleisen. In Sachsen sollen demnach schon bald Züge der Erzgebirgsbahn über eine Testanlage solcher „Solargleise“ rollen.

Ungenutztes Potenzial

Das britische Investmentunternehmen Bankset Energy verfolgt schon seit Jahren ehrgeizige Pläne und will Solarzellen auf Bahnschwellen rund um den Globus installieren. In der Breite durchsetzen konnte sich die Technik bislang allerdings noch nicht. Und das, obwohl dieser Standort für Photovoltaikanlagen ideal erscheint. Schließlich können bereits versiegelte Flächen sinnvoll genutzt werden – Diskussionen über Bodenversiegelung wird es also keine mehr geben. Nichtsdestotrotz gibt es ungeklärte Fragen, etwa zur Abnutzung durch Witterungsbedingungen oder vorbeifahrende Züge.

Solargleise
So werden die Solargleise ausstehen. Die Module werden dabei direkt zwischen den Gleisen installiert.

Belastungstest für Solarzellen

Ursprünglich installierte das Unternehmen erste Module auf einem privaten Schienenweg in der Nähe von Bern. Mit der Testung der Erschließung des deutschen Schienennetzes für die Solarstromproduktion hat Bankset Energy schließlich 2018 begonnen. Im Süden von Sachsen, an einem Ort kurz vor der tschechischen Grenze, wird nun ein stillgelegter Bahnhof für weitere Testläufe des Unternehmens genutzt. Dort werden zwischen den einzelnen Schienen Photovoltaikmodule montiert, die das Licht der Sonne einfangen und weitergehend zu Strom umwandeln sollen.

Die Tests im Erzgebirge finden dabei unter realen Bedingungen statt. Sprich: Um die Langlebigkeit der Konstruktion auszutesten, rollt einmal pro Tag ein Zug über die Schienen. Laut Angaben der Firma Bankset gegenüber der Süddeutschen Zeitung laufen die Tests bisher ohne Probleme. „Solarzellen auf Schienen sind kostengünstig und verursachen keine optischen Beeinträchtigungen“, erklärt ein Sprecher von Bankset Energy die Vorteile des Testprojekts.

Chance für Energiewende?

Das Unternehmen sieht in dem Schienennetz der Deutschen Bahn ein großes ungenutztes Potenzial, um erneuerbare Energie zu erzeugen. Und rechnet vor, dass pro Kilometer Bahnstrecke 100 Kilowatt Strom erzeugt werden könnte. Rechnet man diese Werte auf das rund 60.000 Kilometer lange Gleisnetz der Deutschen Bahn hoch, bedeute dies eine mit der Leistung von fünf Atomkraftwerken vergleichbare Stromerzeugung.

Ungewisse Zukunft

Der Test, so teilt die DB mit, läuft unabhängig davon, ob die Technik später auch tatsächlich im Streckennetz zum Einsatz kommt oder nicht. Noch ist etwa nicht klar, wie alltagstauglich die Idee dieser Solargleise ist. Ungewiss ist beispielsweise, inwiefern die Solarpaneele durch den Zugverkehr abgenutzt werden. Experten*innen sehen zudem auch weitere Herausforderungen. So weist Ulrich Maschek, Professor für Verkehrssicherungstechnik an der TU Dresden, in der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass der Schotter im Gleis regelmäßig verdichtet werden müsse. Und dieses Vorhaben erweist sich mit integrierten Solarzellen als schwierig. Es bleibt jetzt also abzuwarten, ob und in welcher Form Schienennetze künftig für zusätzlichen grünen Strom sorgen werden. Bis dahin wird wohl noch der ein oder andere Zug über diese Grünstromerzeuger rollen.

✅ TEXT: Sandra Rainer
✅ FOTOS: Bankset Energy
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