Wenn die Straße zur E-Tankstelle wird

Das israelische Unternehmen ElectReon hat für E-Autos ein besonderes Ladegerät erfunden: eines, das die grünen Flitzer völlig kabellos während der Fahrt auflädt – via Straße. Photovoltaik-Anlagen neben diesen Straßen könnten diese Mission zusätzlich befeuern.
ElectRoad

Elektroautos haben ein grünes Image und stehen sinnbildlich für die Verkehrswende in Österreich. Kein Wunder, tanken sie doch Strom statt Benzin oder Diesel und stoßen demnach auch keine schädlichen Abgase aus. Wie viele Menschen sich hierzulande aber tatsächlich lieber hinter das Steuer eines Stromers anstatt eines Verbrenners setzen, verdeutlichen die Neuzulassungen in diesem Jahr. Demnach kamen im zweiten Quartal insgesamt 8.729 neue E-Fahrzeuge auf Österreichs Straßen. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren es noch 2.378. Was für ein Statement für die Elektromobilität!

Eine erhöhte Anzahl an E-Autos bedeutet aber auch einen erhöhten Bedarf an „Tankfüllungen“ – also eben Energie. Klar, Strom gibt es fast überall. Diesen allerdings immer und dazu noch kostengünstig in ein E-Auto zu laden, ist gar nicht so einfach. Denn wer ein solches besitzt, weiß: Langstrecken sind eine echte Herausforderung. Schließlich kämpfen Hersteller*innen noch immer mit Reichweiteproblemen. Daher gilt es, vor der Fahrt erst einmal die Standorte von Ladestationen checken. Geht es jedoch nach dem israelischen Unternehmen ElectReon, sollen zeitaufwendige Tankstopps für Autos mit alternativem Antrieb schon bald Geschichte sein. Denn die Straße selbst soll Fahrzeuge bereits während des Fahrens aufladen.

Die Straße als Tankstelle

ElectReon setzt bei dieser innovativen Technik namens ElectRoad auf die Vorzüge des induktiven Ladens. Diese praktische Technologie kennen wir bereits von unseren Smartphones – diese werden einfach auf ein entsprechendes Ladegerät aufgelegt, und schon füllt sich der Akku in Windeseile. So oder so ähnlich soll es nun eben auch bei Fahrzeugen funktionieren. Zum Laden der Autos werden dazu Kupferspulen, sogenannte Coils, unter dem Asphalt verbaut. Die Idee dahinter ist, kleine Ladestationen, auch Management-Einheiten genannt, in regelmäßigen Abständen in das Verkehrsnetz zu integrieren. Die dadurch erschaffenen Elektrokorridore übertragen dabei die Energie aus dem Stromnetz auf die Straßeninfrastruktur und steuern gleichzeitig die Kommunikation mit herannahenden Fahrzeugen.

Damit ein reibungsloser Ladeablauf gewährleistet werden kann, müssen E-Autos allerdings mit smarten Sensoren, die als Empfänger fungieren, ausgestattet sein. Diese werden am Boden des Fahrzeugs installiert, sodass die Energie während der Fahrt schnurstracks an den Motor und die Batterie übertragen werden kann. Eine zentrale Steuereinheit arbeitet zusätzlich in einer Cloud und ist mit allen Verwaltungseinheiten und allen registrierten Fahrzeugen verbunden.

ElectRoad
So sieht die smarte Straße vor der Inbetriebnahme aus.

Zahlreiche Vorteile

Laut Hersteller könnte dank der innovativen Technologie die Batteriegröße von E-Fahrzeugen deutlich minimiert werden. Das wiederum würde dazu führen, dass Autos billiger und leichter hergestellt und mehr Platz für Passagier*innen und Fracht bieten könnten. Außerdem würden großflächige Ladestationen nicht mehr nötig sein – das spart Bodenressourcen. Und die Nutzung der bestehenden Netzinfrastruktur sei ebenfalls fast überall gegeben. Besonders wichtig für E-Autobesitzer*innen: Mit ElectRoad ist man schneller am Ziel – selbst wenn dieses hunderte Kilometer entfernt liegt.

Stromsparen beim Autofahren

Laut Angaben von ElectReon kann dank des induktiven Ladevorgangs die Stromverschwendung reduziert werden. Grund dafür: E-Autos verlieren bereits beim Laden ziemlich viel Strom. Dieser sogenannte Ladeverlust kann laut ADAC im Extremfall sogar bis zu 25 Prozent einer Akkuladung betragen. Das ist – etwas zugespitzt formuliert – mit Kraftstoff zu vergleichen, den man beim Tanken eines Verbrenners einfach danebenschütten würde.

Woher soll der ganze Strom kommen?

Ob E-Autos unsere Umwelt also wirklich schützen, zeigt sich beim Aufladen. Nicht zu vergessen: Nur reiner Ökostrom führt zu einer wirklich klimaschonenden Mobilität. Wird der Tank des E-Fahrzeugs nur zum Teil mit sauberem Strom befüllt, ist seine Ökobilanz kaum besser als die eines herkömmlichen Verbrennungsmotors – egal, ob es an einer E-Ladestation oder auf der ElectRoad geladen wird. Könnten solch smarte Straßen vielleicht die nächste treibende Kraft sein, um den Ausbau erneuerbarer Energiequellen wie Photovoltaik zu forcieren? Eines steht jedenfalls fest: Je mehr sauberer Strom erzeugt wird, desto mehr grüner Strom fließt auch in die Autos der Zukunft.

Eine Möglichkeit, ElectRoad und saubere Sonnenstromproduktion clever miteinander zu verknüpfen, wäre etwa die Installation von Photovoltaik-Freiflächenanlagen neben Autobahnen. Denn oft stehen Landbesitzer*innen dieser Flächen vor einem Dilemma: Schließlich sind solche Flächen als landwirtschaftliche Nutzfläche kaum zu gebrauchen. Als Standort für Freiflächenanlagen eignen sie sich allerdings perfekt. Die meist ungenützte und eben auch geringwertige Gegend neben Österreichs Verkehrswegen könnte dank solarer Grünstromerzeuger also aufgewertet werden und gleichzeitig auch die Energiewende antreiben.

ElectRoad
Sieht so die Autobahn der Zukunft aus? Forscher*innen tüfteln jedenfalls an neuen Projekten.

Ein solares Dach

Wenn wir schon beim Thema Straße und Sonnenstrom sind: Das deutsche Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und das Austrian Institute of Technology tüfteln gerade gemeinsam an innovativen Photovoltaikanlagen für Autobahnen. Demnach soll eine Anlage mit einer Dachfläche von 10 x 17 Meter auf einer Stahlkonstruktion etwa 5,5 Meter über der Fahrbahn installiert werden. Zwar steckt diese zukunftsweisende Art der Stromerzeugung noch mitten in der Entwicklungsphase, „aber die Vision, eine bereits versiegelte Fläche für die Erzeugung der Energie zu nutzen, die darunter für Elektrofahrzeuge benötigt wird, muss weiterverfolgt werden“, erklärt Steffen Bilger, deutscher Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium.

Eines steht fest: Für die Erreichung der Klimawende bedarf es auf alle Fälle eines Umschwungs im Verkehrssektor. Dieser wird aber wohl noch ein wenig auf sich warten lassen. Dass man sich mit dem fokussierten Ausbau erneuerbarer Energien wie der Photovoltaik auf der Überholspur befindet, ist allerdings schon jetzt sonnenklar.

✅ TEXT: SANDRA RAINER
✅ FOTOS: ElectReon; AIT
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