Wie Solaranlagen archäologische Schätze schützen

Grünstromerzeuger schützen nicht nur die Umwelt, sondern auch tief unter der Erde liegende archäologische Schätze. Das beweist aktuell Italiens größtes Solarprojekt in der südlich gelegenen Region Apulien. Ein Projekt mit politischen Auswirkungen.

Im Jahr 1909 beschloss der hawaiianische Entdecker Hiram Bingham, sich auf die Suche nach unentdeckten Schätzen, Inkaruinen und der verlorenen Stadt Vilcabamba zu begeben. Allerdings ohne Erfolg. Zwei Jahre später kehrte der Archäologe in das Land der verborgenen Schätze zurück. Von der Stadt Cusco aus führte ihn die Spur über beschwerliche Wege hoch in die Anden und schließlich zu einem riesigen Ruinenfeld. Vor ihm lag Machu Picchu, eine im 15. Jahrhundert erbaute Inka-Stadt. Immer mit dabei: eines der hochentwickeltsten technischen Geräte der damaligen Zeit, eine Kodak-Panoramakamera.

Über ein Jahrhundert später steht Archäolog*innen freilich eine erstaunliche Vielfalt an technischen Gerätschaften zur Verfügung, um Funde zu dokumentieren und vor allem für die Nachwelt zu erhalten. Doch nun sollen ausgerechnet Solaranlagen dabei helfen, unentdeckte Schmuckstücke zu schützen. Das erklärte nun jedenfalls die britische Regierung im Zuge der Ausarbeitung eines Strategiepapiers zur Planung von Infrastrukturen für erneuerbare Energien.

Solaranlagen sind echtes Paradies

Aber wie soll das funktionieren? Dass sich Photovoltaik-Freiflächenanlagen äußerst positiv auf unsere Umwelt auswirken, wissen wir bereits. Zu den gut dokumentierten Vorteilen zählt etwa die Schaffung eines Biodiversitätsparadieses in und rund um Solarparks. So kehren etwa fast ausgestorbene Insektenarten wieder zurück, und verschiedenste Pflanzengattungen beginnen zu blühen. „Solarparks haben das Potenzial, den Wert der biologischen Vielfalt eines Standorts zu erhöhen, insbesondere wenn das Land zuvor intensiv bewirtschaftet wurde“, heißt es in dem Dokument aus Großbritannien. Schließlich wird nur knapp ein Prozent der Fläche bei der Installation einer Anlage versiegelt, die restliche Fläche wird zum Eldorado für Flora und Fauna. Und weiter: „Solaranlagen können bestehende Ökosystemleistungen in Form von Entwässerung, Hochwasserschutz, natürlichen Feuchtgebieten und Wasserqualitätsmanagement verbessern.“

Eine Fundstelle der ganz besonderen Art

Im britischen Dokument über erneuerbare Energien heißt es nun zusätzlich: „Archäologische Funde können durch einen PV-Park geschützt werden.“ Es stellt sich die Frage: Wie soll dieses nicht gerade einfache Unterfangen tatsächlich gelingen? Die Antwort: Das Gelände wird aufgrund der installierten Grünstromerzeuger nicht mehr regelmäßig und intensiv bewirtschaftet. Versteckte Schätze unter der Erde bleiben folglich unbeschädigt. Konkret können die flachen Pfähle, die in Solarparks üblicherweise verwendet werden, Strukturen im Untergrund entlasten. Diese wären etwa durch regelmäßiges Pflügen bedroht.

Von England über Dänemark bis nach Italien

Anstoß für das Aufzeigen dieser überraschenden Eigenschaft von PV-Anlagen war eine von European Energy, einem dänischen Entwickler für erneuerbare Energien, finanzierte archäologische Ausgrabung im süditalienischen Apulien. Dort ging bereits im Vorjahr die größte Solaranlage des Landes ans Netz. Im Zuge zahlreicher Untersuchungen entdeckten Forscher*innen – trara – genau unter eben diesem Solarpark die Überreste einer früh- bis mittelneolithischen Siedlung und einer Basilika.

European Energy investierte daraufhin knapp eine Million Euro, um die archäologischen Forschungsarbeiten neben der Grünstromerzeugung zu forcieren – mit Erfolg. Denn: Die finanzierte archäologische Ausgrabung brachte zahlreiche archäologische Schätze ans Tageslicht. Darunter wertvolle Keramiken, Münzen, Armbänder, Ringe und Schnallen aus der Zeit der daunischen Besiedlung am Standort in Troja in Apulien.

Der 103-Megawatt-Anlage in Süditalien ist also nicht mehr nur die größte, sondern nun auch die geschichtsträchtigste im ganzen Land. Und geschützt wird sie durch jene Paneele, die gleichzeitig Strom produzieren. Entdecker Hiram Bingham hätte sicher gerne Fotos davon geschossen.

✅ TEXT: SANDRA RAINER
✅ FOTOS: European Energy
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