A berry good idea: Fruitvoltaic-Anlagen gehen in Betrieb

Was haben Himbeeren, Johannisbeeren und saubere Stromerzeugung miteinander gemeinsam? Die Antwort: ihren Standort. Im niederländischen Gelderland gedeihen die süßen Beeren jedenfalls unter der größten und technisch ausgereiftesten Fruitvoltaic-Anlage Europas.
Fruitvoltaic-Anlage

Mutter Natur beschenkt uns jedes Jahr aufs Neue reichlich mit ihren farbenfrohen Früchten. Vor allem im Sommer und Frühherbst serviert sie uns rappelvolle Sträucher mit unterschiedlichsten Beeren. Und die Nachfrage nach genau diesen ist ziemlich groß. Kein Wunder, immerhin strotzen die kleinen Snacks nur so vor Vitaminen, Mineralien und Antioxidantien. In den Niederlanden hat man das Potenzial erkannt, denn immer mehr Landwirt*innen spezialisieren sich auf den Anbau von Strauchbeeren – so auch Obstbauer Piet Albers aus dem idyllisch gelegenen Babberich in den Niederlanden.

Himbeeren unter Strom

Sein 3,2 Hektar großer Obsthof unterscheidet sich allerdings sichtlich von anderen in der Umgebung. Denn: Bekannte Folienbogentunnel sucht man auf mehreren Reihen der Himbeerplantage des Landwirtes vergeblich. Stattdessen sind die Himbeersträucher auf 2,50 Meter Höhe mit Solarmodulen überdacht. Diese sollen die empfindlichen Pflanzen vor Regen und Hagel schützen und gleichzeitig sauberen Solarstrom produzieren. Für diese innovative Fruitvoltaic-Anlage heimste die deutsche BayWa r.e., Projektentwickler für Energielösungen im Bereich der Erneuerbaren Energien, gemeinsam mit der niederländischen Tochtergesellschaft GroenLeven nicht nur viel Lob ein, sondern auch den „The smarter E AWARD“ in der Kategorie „Outstanding Projects“.

Fruchtig, süß und sauber

In einem der größten Agri-PV-Projekte Europas wurden traditionelle Plastikbögen gegen 10.250 Sonnenkollektoren ausgetauscht. Diese sollen die Pflanzen nachhaltig und effizient vor Wind und Wetter schützen. Laut Obstbauer Piet Albers ist die Fruitvoltaic-Anlage durchaus auch eine arbeitserleichternde Alternative: „Die klassischen Folienschutztunnel aus Plastik müssen alle sechs Jahre entsorgt und regelmäßig überprüft und abgespannt werden – insbesondere bei starkem Wind wie in diesem Jahr. Hagel und extreme Hitze waren ebenfalls ein ständiges Risiko für die Folientunnel.“

Die Solarüberdachung erzeugt mit einer Leistung von 2,67 Megawatt Peak (MWp) jedenfalls genug grüne Energie für rund 1.250 Haushalte. Die Solarmodule neigen sich hierbei zehn Grad nach Osten und Westen und überdachen jeweils zwei Reihen der Himbeersträucher. Vorbereitungen für die Drahtabspannungen, „an denen die Pflanzen nach oben ranken, sind schon integriert“, beschreibt Edgar Gimbel, Head of Power Plant Engineering bei der BayWa r.e. Solar Projects, den Aufbau des Systems.

Fruitvoltaic-Anlage
Himbeersträuche ganz versteckt: Sie werden auf 2,50 Meter Höhe mit Solarmodulen überdacht

Sonnenbrand, ade!

Technisch gesehen war die Entwicklung der Fruitvoltaic-Anlage allerdings alles andere als einfach. Konventionelle Solarmodule hätten laut Projektentwickler die Anbaufläche verschattet und ein optimales Wachstum der Himbeeren verhindert. Genau aus diesem Grund entwickelten Ingenieure*innen von BayWa r.e. in Kooperation mit Expert*innen der Universität Wageningen semitransparente kristalline Module. Diese sorgen dafür, dass genügend Sonnenlicht zu den Beeren durchdringen kann, sie jedoch keiner direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind. Die Gefahr eines Sonnenbrands – ja, so heißt die Pflanzenkrankheit tatsächlich – ist somit eingedämmt.

Besseres Klima für die Beeren

Zudem hat das sorgfältige Monitoring während der gesamten Laufzeit des Pilotprojekts Albers gezeigt, dass sich das Klima unter der Fruitvoltaic-Anlage positiv auf die kleinen Pflanzen auswirkt. Demnach herrscht dort eine deutlich bessere Luftzirkulation als bei herkömmlichen Überdachungen. Das liegt vor allem daran, dass zwischen den Modulreihen genügend Abstand vorhanden ist. Dieser sorgt wiederum dafür, dass feuchte Luft leichter abgeführt und weitergehend eine Schimmelbildung an den Beeren verhindert werden kann. „Die Module erzeugten eine für die Pflanzen vorteilhafte, niedrigere Temperatur und schützten sie besser vor Witterungseinflüssen“, erklärt Stephan Schindele, Produktmanager für Agrar-Photovoltaik BayWa r.e.

Genauer gesagt: „Wir können dies jetzt bei unserer Überwachung feststellen. An heißen Tagen ist die Temperatur unter den Solarmodulen um fünf Grad niedriger als unter der Kunststoffabdeckung und sogar um zwei Grad niedriger als unter den Umgebungsbedingungen“, ergänzt Willem De Vries, Projektleiter für AgriPV bei Groenleven.

Vielversprechende Fruitvoltaic-Anlage

Neben dem Obstbauernhof von Piet Albers sollen nun auch weitere Landwirt*innen mit dieser innovativen Technik ausgestattet werden. Einer jedenfalls darf sich jetzt schon stolz als Energie-Wirt bezeichnen: Rini Kusters aus dem niederländischen Wadenoijen. Seine insgesamt 4.500 Johannisbeersträucher wurden bereits unter ein effektives Solardach verfrachtet. Der Solarpark soll rund 400 Haushalte pro Jahr mit Grünstrom versorgen. Der Obsthof rechnet zudem mit einer Ernte von rund 23 Tonnen roten Johannisbeeren jährlich.

Und wie geht es weiter? Das Energieunternehmen BayWa r.e. arbeitet derzeit an der Analyse weiterer Pilotprojekte mit Beerenkulturen wie Blaubeeren, Brombeeren und Erdbeeren. Bis 2022 sollen weitere Agri-Photovoltaik-Projekte realisiert werden, sodass eine Gesamtleistung von 35 Megawatt in verschiedenen europäischen Ländern erreicht werden kann. Und wir wissen wohl alle, was dabei rauskommt: süße Beeren und jede Menge grüner Strom.

✅ TEXT: SANDRA RAINER
✅ FOTOS: BayWa r.e.GroenLeven
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