So schön kann saubere Stromerzeugung sein

Immer häufiger werden erneuerbare Energien und Design miteinander kombiniert. Das Resultat: einzigartige Installationen, die sich als formschöne Stromquellen entpuppen – und darüber hinaus die benötigte Aufmerksamkeit auf Klimaschutz und Energiewende lenken.
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Schon vor etwa 2.500 Jahren wusste der antike griechische Geschichtsschreiber Thukydides: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“. Dass man diese in Zukunft auch im Zusammenhang mit sauberer Energiegewinnung findet, war dem Athener zur damaligen Zeit wohl nicht bewusst. In den Himmel ragende Windräder und graue Solarmodule fallen zugegebenermaßen wohl nicht für jede oder jeden in die Kategorie „schön“. Künstlerinnen und Künstler wollen genau das ändern. In Zusammenarbeit mit Energie-Expertinnen und -Experten arbeiten sie an zukunftsweisenden Technologien, die sowohl mit optimalen Umweltbilanzen als auch Design punkten. Aktuelles Beispiel: die semitransparenten Photovoltaik-Module des französischen Photovoltaik-Unternehmens „Armor solar power films“.

Flexibel, effizient & schön

Diese flexibel einsetzbaren Anlagen sind nicht nur in Möbeln, Fenstern und anderen Objekten zu finden, ab Oktober 2021 werden sie auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu sehen sein. Genauer gesagt: auf der Expo 2020 in Dubai. Aufgrund der Corona-Krise wurde die für 2020 geplante Weltausstellung um ein Jahr verschoben. Das Motto: „Connecting Minds, Creating the Future“ – mit vereintem Verstand die Zukunft gestalten. In insgesamt 190 Pavillons zeigen unzählige Länder, wie die Zukunft nachhaltig und im Einklang mit der Natur gestaltet werden kann. Was dabei auf keinen Fall fehlen darf? Die saubere Stromerzeugung mithilfe moderner Solaranlagen. Wir werfen schon vorab einen Blick in den niederländischen Pavillon. Denn dort befindet sich ein außergewöhnliches und zugleich wirklich schönes Solarkraftwerk.

Ein Dach der Extraklasse

Gemeinsam mit dem renommieren Architekturbüro „V8 Architects“ entwickelte das Energieunternehmen Armor für den Pavillon der Niederlande eine Miniaturwelt mit eigenem Klimasystem. Das energieautarke Biotop soll mit nachhaltigen Entwicklungen die Antwort auf Wasser-, Energie- und Lebensmittelfragen darstellen. Sprich: Im Pavillon werden Lebensmittel mittels vertikal eingerichteter Landwirtschaft geerntet, Wasser hergestellt und saubere Energie erzeugt. „Der Pavillon wurde nicht nur als Schaufenster für Nachhaltigkeit und Kreislauf konzipiert, sondern auch so gebaut“, heißt es in der offiziellen Projektbeschreibung des Architekturbüros. Hingucker des Öko-Pavillons auf der diesjährigen Expo ist zweifellos die Designlichtkuppel inklusive integrierter Solarzellen, gestaltet vom Designbüro „Marjan van Aubel Studio“.

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So soll der geplante Öko-Pavillon ...
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.. auf der Expo 2021 in Dubai funktionieren.

Ästhetik und grünes Denken vereint

Der ohnehin schon spektakuläre Ausstellungspavillon wird mit einem Photovoltaik-Solardach, welches das darunterliegende Biotop nachhaltig mit Energie versorgt, aufgepeppt. Im Zentrum des entworfenen Systems stehen sogenannte Asca-Solarfolien von Armor. Deren Semitransparenz, Flexibilität und große Farbauswahl ermöglichen eine clevere Kombination von Architektur, Design und nachhaltiger Technologie. Die eingesetzten Solarzellen haben eine Leistung von bis zu 40 Watt pro m² und ein Gewicht von 500 Gramm pro m².

Die Zellen können zudem in verschiedenen Farben hergestellt und angebracht werden – etwa in Rot, Blau, Grün und Grau. Abmessungen und Design sind laut Entwicklerteam individuell anpassbar, die maximale Stromstärke und die maximale Spannung ebenso.

Der Moiré-Effekt

Besonders auffallend ist jedoch das grafische Design, das mit einem farbigen Moiré-Effekt erstellt wurde. Wikipedia verrät: „Der Moiré-Effekt ist ein optischer Effekt, bei dem durch Überlagerung von regelmäßigen Rastern ein wiederum periodisches Raster entsteht, das spezielle Strukturen aufweist.“ Linien und Muster der Dachkonstruktion interagieren also miteinander und sorgen so für einen unvergleichlichen Mustermix.

Ein göttliches Vorbild

Übrigens: Das Team ließ sich bei der Idee des Designsolardachs von bunten Kirchenfenstern inspirieren. „Sie vermitteln den Besucher*innen den Eindruck, sich in einer riesigen zeitgenössischen Kirche zu befinden“, so die preisgekrönte Designerin Marijan van Aubel. Die Vielzahl von Farbschattierungen und eindrucksvollen Lichtreflexionen seien laut ihr ohne die Technologie von Armor Asca, „die ein breites Spektrum an Farbtönen und enorme Freiheit in puncto Design bietet, nicht möglich gewesen“.

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Die eingesetzten Solarzellen von Armor überzeugen nicht nur mit Leistung, sondern auch mit einem schönen Erscheinungsbild.

Van Aubel bezeichnet sich selbst als Solar-Designerin. Mit ihren einzigartigen Kreationen will sie die Effizienz von Solarpaneelen steigern und neue, innovative Möglichkeiten finden, sauberen Grünstrom zu generieren. Ihr Ziel: das riesige Energieangebot der Sonne in neuen Anwendungsbereichen und Erscheinungen von Solarzellen weiterhin besser nutzen.

Im Einklang mit der Natur

Das ist ja alles schön und gut, doch wie steht es tatsächlich um das Ökosystem in der Kuppel? Schließlich müssen angebaute Pflanzen fleißig Photosynthese betreiben, um das natürliche Gleichgewicht halten zu können. Und dazu benötigen sie dringend genügend Sonnenlicht – das aber von den Solarzellen abgefangen wird, oder? Hier hat das Entwicklerteam mit seinem ausgeklügelten Designkonzept eine clevere Lösung parat. Und zwar: Die transparenten Paneele erzeugen Energie für die Erhaltung des Pavillons und filtern einfallende Sonnenstrahlen. Dennoch lassen sie genügend Sonnenlicht in die Räume eindringen, um den Photosyntheseprozess nicht zu verhindern.

Und dann?

Doch was passiert mit den farbigen Solarpaneelen, wenn die Weltausstellung in Dubai am 31. März 2022 ihre Türen wieder schließt? Die erfreuliche Antwort: Die einzigartigen Module können nach der Expo 2020 problemlos demontiert und wiederverwendet werden. Und wir sind uns wohl alle einig: Diese nachhaltige Technologie hätte Geschichtsschreiber Thukydides ganz bestimmt gefallen.

✅ TEXT: SANDRA RAINER
✅ FOTOS: V8 Architects
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